Die Berlinale wird einfach nur geil! Ich fahre hin, eine ganze Woche lang, knalle mir jeden Tag zwei bis drei Filme rein und schreibe auf meinem Filmblog darüber. Livin’ da Bloggerlife. Easy Peasy Lemon Squeezy! – Dachte ich mir!

Doch ich hatte etwas unterschätzt! Meinen eigenen Körper. Irgendwann geht’s nicht mehr. Mein Gehirn fühlt sich so an, als hätte es ein Pappmaul, teile ich meinem Kollegen Marcel nach drei Tagen über WhatsApp mit. Er hingegen wartet gespannt auf meine nächsten Texte und ich habe zum ersten Mal die Bedenken, es nicht zu schaffen. Kein witziger Vergleich oder schöne Metapher will sich mehr formulieren. Ich kann manchmal nicht mehr sagen, ob ich den Film gut oder schlecht fand.

Sonntag: Am Anfang war noch alles gut

But back to the beginning! Die Woche startet gleich mit einer ordentlichen Portion: UNDINE von Petzold als Pressevorführung, EIN FISCH, DER AUF DEM RÜCKEN SCHWIMMT von Eliza Petokova und am Abend noch als Screener auf dem Laptop: SCHLAF von Michael Venus. Ich gebe mir nicht mal Mühe, wenigstens mit zwei Filmen davon im gleichen Genre zu bleiben. Deutsche Sagenadaption, deutsches Liebesdreiecksdrama und deutscher Horror! Wenigstens immer das gleiche Produktionsland…

Bei der Pressevorführung drücke ich mich mit meinem Ausweis an den anderen Wartenden vorbei und bin mir bis kurz vor knapp nicht sicher, ob ich im richtigen Saal sitze. Ich weiß nicht, ob mir diese Sonderbehandlung wirklich 60 Euro wert war, aber egal. Bei einem Kaffee Fellows am Alexanderplatz bekomme ich nach dem Film noch einen Platz am Fenster. Der Kaffee kostet 3 Euro 10, aber es gibt WLAN. Die Tastatur klickt fröhlich vor sich hin und ich bin nach zwanzig Minuten fertig. Easy!

Beim Liebesdreiecksdrama gehen nach den ersten fünfzehn Minuten schon Leute raus. Ich halte bis zum Schluss durch und bereue es nicht. Dass ich den dritten Film einfach auf dem Laptop schauen kann, beruhigt mich trotzdem etwas.

Als gegen 21 Uhr jemand an der Hoteltür rüttelt, zucke ich von dem Geräusch so sehr zusammen, dass sich mein taurinhaltiges Getränk vom Tisch verabschiedet. Gerade bin ich bei der Hälfte von SCHLAF und jetzt schon ein zuckendes Wrack. Horror ist einfach nicht mein Ding. Die Frage ist gar nicht, ob ich jetzt schlafen kann, sondern ob überhaupt jemals wieder! Aber hey, trotzdem gefällt mir der Film, obwohl ich schummle und ein paar Mal pausiere.

Mit meinen zwei Texten sitze ich bis 2 Uhr nachts im immer kälter werdenden Hotelzimmer an einem kleinen Schreibtisch. Aus dem Augenwinkel leistet mir mein Spiegelbild in den dunklen Fenstern Gesellschaft. Bis ich wirklich abschalten und endlich einschlafen kann, ist es 3 Uhr morgens.

Montag: Jannis kommt nicht

Am Montag vergesse ich bei dem brasilianischen Drama TODOS OS MORTOS von Caetano Gotardo und Marco Dutra mir Notizen zu machen und der Film überfordert mich sowieso. Ob’s die frühe Uhrzeit oder das Thema ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht etwas von beidem. Er spielt 11 Jahre, nachdem die Sklaverei in Brasilien angeschafft wurde und erzählt von den Auswirkungen auf die gehobene Gesellschaft, aber auch noch von vielem mehr. Bis hin zu aktuellen Verweisen auf die heutige Gesellschaft und Politik. Etwas zu viel für mich.

Dafür habe ich beim deutschen Sozialdrama KIDS RUN von Barbara Ott gefühlt nie genug Platz auf einer Seite. Ich überschreibe im Dunklen meine eigene Schrift und muss warten bis mir die Leinwand genug Licht gibt.

Leider ist der Hauptdarsteller Jannis Niewöhner nicht beim Q&A nach dem Film dabei. Vielleicht findet er selbst den ganzen Trubel nicht so toll, meint meine Mutter. Das würde ihn noch sympathischer machen. Aber die Regisseurin selbst ist da und bewirkt, dass ich ein paar Kritikpunkte am Film über Bord werfe. Aber andere bleiben trotzdem. Denn der Protagonist Andi, gespielt durch Niewöhner, macht immer noch keine wirkliche Entwicklung in der Geschichte durch. Und für die kleine offensichtliche Erkenntnis kurz vor Ende zieht sich die Geschichte dann doch ganz schön. Schade. Schade.

Dienstag: Hohe Erwartungen

Am Dienstag bin ich schon in der Schlange im Kino International aufgeregt. Den Trailer zu THE ASSISTANT von Kitty Green habe ich schon vor Monaten auf YouTube entdeckt und wusste sofort, diesen Film muss ich sehen. Da wusste ich noch nicht mal, dass er auf Erfahrungen einer Assistentin von Filmproduzent Harvey Weinstein beruht: Jane, gespielt von Julia Garner, hat einen Job als Assistentin bei einem mächtigen Unterhaltungs-Mogul. Ihr Tag ist geprägt von Kopieren, Kaffeekochen und Telefonieren. Doch obwohl sie erst seit Kurzem dort arbeitet, wird für sie der Missbrauch an jungen Frauen durch ihren Chef immer offensichtlicher, bis Jane es nicht mehr ertragen kann.

Ich hatte Erwartungen und wurde nicht enttäuscht. Sie wurden sogar übertroffen!

Doch meine Aussage gerade mit THE ASSISTANT mein Highlight der Berlinale gesehen zu haben, verblasst als ich Elizabeth Moss zwei Stunden später in dem Thriller SHIRLEY von Josephine Decker dabei zusehe, wie sie einfach nur abliefert. Ich mag sie und wusste, dass sie gut ist, aber so gut? Shirley, gespielt durch Moss, ist eine begnadete Schriftstellerin und wird für ihrer Genialität gefeiert. Doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch. Wochenlang igelt sie sich im Bett ein und kann das Haus nicht verlassen. Zu ihrem Leidwesen quartiert ihr Mann, der Literaturkritiker und Universitätsprofessor, ein junges Paar bei ihnen ein und Shirley fühlt sich sofort von den Fremden gestört. Doch was anfangs lästig wirkt, trägt schnell Früchte und Shirley beginnt einen Roman. Ich bin nach den 107 Minuten echt geflasht. Kurz sitzen bleiben, als die Lichter wieder im Saal angehen, ist aber nicht. Ein junges Mädchen im dunkelblauen Blazer bittet mich höflich, den Saal zu verlassen. Die nächste Vorstellung würde ja bald losgehen. Sie sieht müde aus. Aufgekratzt stolpere ich auf den Alex. Es nieselt und ich vergrabe das Gesicht in meinem Schal. Die Kritik für SHIRLEY wird kurz. Für mehr als pure Vergötterung reicht es heute nicht.

Mittwoch: Ein Versuch und Zweifel

Der erste Film am Mittwoch ist ein Versuch, ein Versuch an eine Erfahrung der letzten Berlinale 2019 anzuknüpfen. Das chinesische Drama A DOG BRAKING AT THE MOON hatte mich noch Wochen danach nicht losgelassen. Ein Kinostart in Deutschland? No way! Zu kleine Zielgruppe, zu spartiges Thema… aber das hat den Film und seine Machart nicht weniger großartig gemacht. Filme aus China, Japan oder auch Korea haben in meinen Augen eine andere Sicht auf das filmische Erzählen und Zeigen. Eine Sicht, die ich sehr schätze und deswegen lege ich vielleicht jetzt ein bisschen zu viel Erwartungen in das koreanische Drama DIE FRAU, DIE RANNTE aka THE WOMAN WHO RAN aka der Originaltitel DOMANGCHIN YEOJA. Da wusste ich noch nicht, dass der Regisseur Hong Sang-soo ein paar Tage später den Silbernen Bären für Beste Regie bekommen würde.

Aber nun sitze ich im Friedrichstadtpalast. Oben rechts fast am Gang. Meine Knie und den Vordersitz trennen maximal fünf Zentimeter und mein Sitznachbar teilt mir mit, dass er drei Minuten vorher noch einmal aus der Reihe muss. Seine Begleitung findet ihn nicht.

Im Café danach bekommt man zu jedem Kaffee WLAN für 1,5 Stunden. Der Barista ist Italiener, redet nur Englisch und entschuldigt sich dafür, dass die Latte-Art etwas schief ist.

Für die Kritik zu THE WOMAN WHO RAN starre ich etwas zu lange das leere Word-Dokument an und sauge die schiefe Latte-Art in mich auf. Er ist kein Vergleich zu A DOG BARKING AT THE MOON. Er macht Vieles anders. Simples Set, einfache Kamera, lange Einstellungen, viel Dialogarbeit. Und genauso simpel wie die Machart, ist auch der Plot: Gamhee besucht während der Abwesenheit ihres Mannes in einem Vorort von Seoul drei Freundinnen, die sie lange nicht gesehen hat. Doch jeder dieser Begegnungen liegt etwas Verstecktes zugrunde.

THE WOMAN WHO RAN ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, der einen aber dann nur belohnt. Es ist aber der falsche Film für die Anzahl an Tagen, die ich schon auf der Berlinale hinter mir habe. Mir ist kalt. Vielleicht wegen des Schlafmangels. Oder weil Cafés in Berlin prinzipiell in alten Lagerhalten sein müssen, die man nie voll beheizt bekommt. Die S-Bahn donnert über mich weg und ich vergesse fast für den nächsten Film loszugehen.

Bei dem Drama NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Eliza Hittman bin ich erst verdammt skeptisch. An dem Thema Abtreibung haben sich schon viele Filmemacher die Finger verbrannt und die erste dreiviertel Stunde kriegt mich der Film nicht wirklich. Doch dann kommt alles anders. Ich weiß nicht, ob ich mit der Zeit dünnheutiger werde oder das insgeheim der Plan des Films war, denn plötzlich schießen mir in einer Szene, welche die Bedeutung des Titels offenbart, die Tränen in die Augen. Nie, Selten, Manchmal und Immer sind die Antwortmöglichkeiten eines Fragenkataloges, den die Protagonistin vor dem Eingriff, dem Schwangerschaftsabbruch, über sich ergehen lassen muss. Dieser geniale Einfall für den Titel (Ich liiiiebe schlaue Titel!!!) und die Leistung der jungen Schauspielerin Sidney Flanigan holen mich in der letzten halben Stunde doch noch ab. Der Kloß im Hals bleibt noch lange, nachdem der verdiente Applaus verklungen ist und das Gewühle und Gedränge losgeht. Die Stufen zum Ausgang scheinen immer größer zu werden, die Leute lauter. Das Glas Weißwein beim Italiener danach schmeckt etwas zu gut und der Espresso zeigt nicht mehr seine gewünschte Wirkung. Ich zögere es hinaus ins Hotel zurück zufahren. Ich weiß, wenn ich da bin, gibt es keine Ausrede mehr, nicht über den Film zu schreiben. Der Blog will gefüllt werden. Ich mache mir selbst Druck. Ich habe es so vielen Leuten angekündigt. Jetzt muss ich es auch durchziehen.

Ich schaffe es irgendwie, brauche aber Stunden dafür. Ich will dem Film, dem Thema, der Geschichte gerecht werden. Der Zeiger steht wieder auf 2 als ich ins Bett gehe.

Donnerstag: Der größte Brocken zum Schluss

Vor dem letzten Film am Donnerstag habe ich – nicht Angst, das wäre ein zu großes Wort, aber Respekt trifft es auch nicht wirklich. Ein Unbehagen breitet sich schon aus, obwohl die Leinwand noch leer ist. Ich kann nicht mehr. Die letzten Filme habe ich runtergezählt. Mein Kopf ist voll und gleichzeitig leer. Die engen Sitze und die nicht existente Beinfreiheit sind keine notwendigen Übel mehr. Es nervt!

Ich liebe Filme. Ich vergöttere sie, aber gerade möchte ich mich einfach nur verkriechen. Raus aus diesen Menschenmassen. Doch vor mir liegen drei lange Stunden: Die Romanadaption von Alfred Döblins BERLIN ALEXANDERPLATZ, verfilmt von Regisseur Burhan Qurbani und mit Jella Haase als Mieze.

Gegen Ende zähle ich nur noch die Minuten. Ich schiele aufs Handy und rechne aus, wie viel Zeit die Figuren noch haben, um mit einem blauen Auge aus der Geschichte rauszukommen. Der Film quält mich. Aber nicht, weil sich der Film mit der Adaption übernommen hat, nicht weil die Schauspieler einen schlechten Job machen (Tausend Herzen an Jella!) und auch nicht, weil es eine deutsche Produktion ist und wir Deutschen ja nur Tatort und Nazis können?! Mimimi… Nein, das ist es alles nicht. Der Film ist gut, weil er sich von der Vorlage gelöst hat, weil er authentische Figuren liefert und weil er intensiv erzählt, in Bildern wie in Worten. Und deswegen verlangt er mir einiges ab.

Doch als der Abspann einsetzt, ergreift mich Wehmut. Es ist geschafft! Nur noch einen Text! Und bei diesem Gedanken merke ich, wie ich es jetzt schon vermisse. Die Filme, den Trubel, die Geschäftigkeit, die viel zu vielen Tassen Kaffee, die Lichter, der Glanz, die Stille im Saal kurz vor dem ersten Frame: dieser herrliche Ausnahmezustand, der Berlin jedes Jahr aufs Neue überfällt.

Auf der Rückfahrt sitze ich in einem eigentlich ausrangierten 1. Klassewagen. Die Sitze sind lila und flauschig. So viel Fußraum hat man selbst im CinemaxX nicht. Ich fühle mich wie im Hogwarts Express, aber ich fahre nicht nach London zurück, nur nach Hannover. Völlig platt, verschlafe ich die gesamte Fahrt und als ich aus dem Zug aussteige, habe ich das Gefühl, aus einer Bubble herauszutreten. Back to everyday life!

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