Es ist 2020 und Deutschrap geht es gut.

Viel zu gut um genau zu sein. Regelmäßige Chartplatzierungen sind schon seit Jahren keine Seltenheit mehr und gefühlt kein anderes Genre sorgt für so viele Klicks auf YouTube und Spotify. Deutschrap ist nicht nur im Mainstream angekommen… Deutschrap ist der Mainstream.

Und wie im Mainstream üblich, macht Unmut die Runde: Über fehlende Kreativität, immer gleiche Sounds, zwei- bis dreiminütige Hits nach Rezept, gesungene Hooks, Autotune, etc.

Aber abseits der großen Acts der Stunde wie Apache207, Mero, Raf Camora, sowie der 187 Straßenbande ist der ominöse Untergrund so stark wie seit Jahren nicht mehr – und lieferte 2019 mehr als genug Releases, um Playlists für jede Lebenslage zu füllen und Rap von einer ganz neuen Seite zu entdecken.

01. Klapse Mane – Auf Schleife 

Memphis Rap und das damit einhergehende Comeback der Kassette durch Skinny Finsta erfreut sich mit seinem harten und straighten Sound immer größerer Beliebtheit. Der Sound vom Multitalent Klapse Mane (aka Rocco Vice aka Kauz von den Futschis) liefert feinsten, meist selbstproduzierten Südstaaten-Sound, der sich inhaltlich irgendwo zwischen Drogenkonsum, Herzschmerz, Okkultismus, Depression und Selbsthass mitten in West-Berlin befindet.

Anspieltipps: Auf Schleife, Hand in Hand

02. Odd John – Frust

Odd John ist ein Mensch wie du und ich. Er hängt zu viel auf Social Media rum (vorzugsweise Twitter), findet im Internet quasi alles was er braucht, connected mit Leuten, nimmt Drogen, wartet darauf, dass der zweite Haken auf Whatsapp erscheint, ist unglücklich verliebt und geplagt von Selbstzweifeln und Frust. “Frust” kommt allerdings nicht wie eine weitere belanglose EP auf Soundcloud mit 0815 Trap Type Beats daher, sondern besticht durch melodische Raps auf houselastigen Eigenproduktionen… aber trotzdem auf Soundcloud. [Ist aber auch auf Spotify zu finden, ihr konsumgeilen Kulturlosen. Anm. der Red.]

Anspieltipps: GuNa, Self Love

03. Tufu – Moorloch 

Das Label Sichtexot gilt nun seit knapp zehn Jahren als Qualitätssiegel für Fans von Boombap, Lofi, Oldschool bzw. jazzlastigen Samplebeats. Mit einem Vinyl-Output, der seinesgleichen sucht (vor allem dank dem releasewütigen eloQuent). Labelkopf Tufu hingegen hat lange wenig von sich hören lassen, sich 2019 aber endlich mit einer im Rap viel zu selten zu findenden Disziplin zurückgemeldet: dem Konzeptalbum. “Moorloch” ist ein analoges 4-Spur-Abendteuer benteuer, das Tufu so ungefiltert zeigt, wie nie zuvor. Was auch daran liegt, dass vermeintliche Patzer nicht wegretourschiert werden. Diese Platte gibt dem Hörer keinen Einblick in die Welt von Tufu… sie lässt ihn live zuschauen.

Anspieltipps: Haus am Moorloch, Gaspistole

04. Robanzee – Energie 2 

Wenn Klapse Mane der nüchtern-pessimistische Gegenentwurf zum Heile-Welt-Sound des Afrotrap-geprägten Mainstreams ist, dann ist Robanzee aus Süddeutschland der desinteressierte Nerd, der es sich in seiner Ecke bequem gemacht hat und einfach sein Ding durchzieht. Seit Jahren ein Geheimtipp im Untergrund, liefert er mit dem zweiten Teil seiner “Energie”-Reihe eher entspannten Südstaaten-Rap, welcher einerseits cool daherkommt, aber auch verdammt funky sein kann. Lässige Raps, außergewöhnliche Beats und Samples – und für die Tape-Jäger gibt’s das Ganze auch auf Band.

Anspieltipps: Models, Fahre meine Runden

05. Teuterekordz – Total Raus 

Es gibt viele Möglichkeiten seine Zeit in der Hauptstadt totzuschlagen. Eine beliebte Methode ist dabei sich diverse legale und illegale Substanzen durch den Rachen oder in die Nase zu jagen und anschließend auf Tekkno feiern zu gehen. Den Soundtrack dazu liefern die Jungs von Teuterekordz aus Pberg. Hier wird wird aus dem entspannten Bierchen am Abend spontaner Absturz, Kotzen, die Möglichkeit für mehr Kapazitäten, und die Nike TNs werden standardmäßig kaputtgestampft. Die EP wartet durch ihre diversen Protagonisten mit viel Abwechslung auf und wird von Produzent Aphem mit Beats unterlegt, bei denen moderner Sound auf Tekkno trifft.

Anspielstationen: Vorne links, Endlich gekotzt

06. ODMGDIA – Chapter 2 bis 4 

Es fällt schwer zu beschreiben, was nun genau der gemeinsame Nenner ihrer vierteiligen drei-Track EP-Reihe (drei davon 2019) sein dürfte. Inhaltlich wirkt es wie ein ständiges emotionales Auf und Ab der Rapper Duzoe und Dollar John – rund um Themen wie Selbstzweifel, Drogenkonsum, Depression, Gewaltfantasien und Einsamkeit. Dementsprechend unterschiedlich ist das Soundbild der einzelnen EPs. “Chapter 2” hat einen recht melancholischen Grundtenor, während “Chapter 3” dagegen aggressiver und technolastiger ist. Dennoch schafft es Dollar John, die Projekte durch Produktionen mit seiner ganz eigenen Handschrift zusammenzuhalten

Anspieltipps: Stomp, Uppers/Downers

07. Negroman – Cuck 

In einem Interview sagte er mal, dass er manchmal selbst nicht so recht weiß, was seine Texte bedeuten. Ob das nun ironisch gemeint war oder nicht, die Texte der einen Hälfte von Luk&Fil bieten viel Raum für Interpretationen. Schon auf der “Sequel” EP experimentierte er mit modernen Sounds in Kombination mit samplebasierter Lofi-Ästhetik, sowie Boombap. “Cuck” ist nicht nur als konsequente Fortführung auf Albumlänge zu betrachten, sondern auch generell eines der spannendsten Projekte des Jahres.

Anspielstationen: Bauchrredner, Sub

08. Shacke One – Shackitistan 

Ob man mit einer eigenen Biermarke im Edeka und diversen Spätis noch Untergrund ist, lässt sich streiten. Es lässt sich allerdings kaum darüber streiten, dass Shacke mit seinen Atzen Achim Funk und Klaus Layer roughen Boombap auf höchstem Niveau abliefert. Dabei hat sich im Vergleich zu den letzten Releases von ihm nicht viel geändert. Man kann allerdings sagen, dass das Team immer eingespielter wird und einzelne Stärken weiter ausgearbeitet wurden. Untergrund ist eine Einstellung und bei Shacke heißt das: Rap voller Punches, Rumgeprolle, Sprühen und die Aufrechterhaltung der Kneipenkultur. Und am Ende der Reise nach Shackitistan wartet natürlich die Crew mitsamt Possetrack.

Anspieltipps: Shack Norris, LaLaLa

09 Goldroger – Diskman Antischock 

War ‘ne nice EP. 5/5 Sterne, guter eBayer, gerne wieder. Sollte eigentlich ein Album sein, wurde dann aber auf zwei EPs gesplittet. Der zweite Teil soll in der ersten Jahreshälfte 2020 erscheinen. Wird deshalb irgendwann später im Gesamten besprochen.

Anspieltipps: Bombermann, Speedball Drive

10 Johnny Rakete – Trauriger Junge mit Rauch in der Lunge

Raketer ist seit Jahren in Kennerkreisen bekannt für scharfe Battle-Zeilen und verträumt-entspannte Kopf-in-der-Luft-Musik. Doch in schweren Zeiten hängt der Kopf auch mal tiefer und die entspannte Kiffer-Attitüde weicht Selbstzweifeln und Depression. Auf dem wie immer maßgeschneiderten Boombap-Teppich von HawkOne stellt sich Johnny schonungslos seinen inneren Dämonen und schafft ein in sich geschlossesenes Album. Passend zum Namen wird das Ganze zusammengehalten von Samples aus dem Anime-Klassiker Cowboy Bebop.

Anspieltipps: 60 Leben, Wenn Katzen streiten

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