Dünen aus Wüstensand ergießen sich in ein verlassenes Haus, knallrot von innen. Auf den Covern zu den Singles bekommen wir noch weitere Räume dieser Ruine zu sehen, die zwar heruntergekommen ist, aber in knalligen Farben erscheint. Die Bilder, die als Vorlage für das Artwork von THE SLOW RUSH dienen, entstanden in der Geisterstadt Kolmannskuppe, mitten in der namibischen Wüste. Die einstige Diamanten-Mine darf man heute nur noch mit Erlaubnis betreten. Durch ein Fenster sieht man den blauen Himmel, gespickt mit ein paar Wolken. Das Albumcover wirkt eher friedlich als verwahrlost, aber immerhin gewohnt psychedlisch.

 

Der einsame Wolf des Synth-Pop

Isolation war schon immer ein zentrales Thema für Kevin Parker, die Ein-Mann-Band hinter den Studio-Alben von Tame Impala. Für seine bisherigen Alben zog sich der Australier aus der Zivilisation zurück und verschanzte sich im Studio. Für INNERSPEAKER lebte er einige Tage in einer Holzhütte am Meer. Ohne Internet, dafür aber mit einem tropfenden Dach, regelmäßigen Stromausfällen und Datenverlusten. Das darauf folgende Album trägt den plakativen Titel LONERISM. Parker inszenierte sich so lange als Einzelgänger, dass er sich wahrscheinlich irgendwann in der Rolle verlor und danach nur noch selbst imitierte. Nach “Lonerism” gelang Tame Impala 2015 mit CURRENTS der Durchbruch. Die Diskografie der Band avancierte zur neuen Lieblings-Sample-Quelle von Producern.

Der psychedelische Funk mit nostalgischen Synthesizern und nach Hip Hop-klingende Drums verzaubern alle gleichermaßen: Eingebettet in eine warme Klangdecke aus Melancholie, Nostalgie und tanzbaren Beats versöhnen sich auf Parties eigenbrötlerische Indie-Musikliebhaber (wie ich) mit Chart-Hörern.

Nach eigener Aussage pflegte Parker selbst lange eine Abneigung gegenüber Pop-Musik: Bis er dank “Currents” selbst diese Welt betrat. Er begann das Handwerk, einen Hit zu produzieren, zu schätzen und anzuerkennen. Er kämpfte nicht länger gegen den Strom. Kollaborationen mit Pop-Größen wie Lady Gaga und Mark Ronson waren die Folge. Vielleicht hat er während der fünf Jahre die zwischen “Currents” und “The Slow Rush” liegen, für sich erkannt, dass er gern mit anderen zusammenarbeitet und nicht mehr der Loner ist, für den er sich immer gehalten hat. Vielleicht war das auch der Grund, warum Parker solange einen Bogen um Tame Impala gemacht hat. Und damit auch um das, wofür das Projekt für viele steht. Das Alleinsein.

Nun, ein halbes Jahrzehnt später, hebt er einen neuen Sound aus der Traufe… Wir hören ihn auf einer Singleauskopplung singen:

“It Might Be Time To Face It”

Die Synthesizer-Decke ist auf “The Slow Rush” spürbar dünner geworden. Man fühlt sich beim Hören nicht mehr in die Funkadelic-Vibes eingehüllt. Es ist mittlerweile vielmehr ein Synth-Cardigan, den Parker nach Belieben abstreifen und wieder anziehen kann. Dafür sind stellenweise wieder mehr Gitarren präsent, man fühlt sich oft an Chic erinnert, vor allem aber – die Drums. Nie klang das Drumset auf einem Impala-Album besser als hier. Es wirkt so, als wolle Kevin Parker offen und ehrlich seine Liebe für einen knackigen Snare-Sound bekennen. Man distanziert sich von den drum machines, die auf “Currents” noch vermehrt zum Einsatz gekommen sind. Das neue Album kann musikalisch als Hymne auf das gute alte Schlagzeug gelesen werden. Der Klang der Drums erinnert eher an etwas, das wir aus dem Hip Hop kennen. Den Beat auf Borderline z.B. hätte man genauso gut auf Kendrick Lamars “To Pimp A Butterfly” antreffen können. Besonders im Bass-Bereich erlebt man einen vollen, bauchigen Sound, der mich wünschen lässt, ich hätte bessere Kopfhörer

Ich schlendere von Raum zu Raum, in dem jede Wand eine andere Farbe schmückt. Wie durch ein Museum stapfe ich gemächlich durch die vom Sand durchfluteten Korridore und lasse die groben Körner durch meine Finger rinnen. Immer auf der Hut, auf der Suche nach etwas, das mich wirklich berührt. Nach knapp unter einer Stunde verlasse ich die Ruinen von Kolmannskuppe wieder. Ohne ein bestimmtes Gefühl. Ist es Enttäuschung? Ein paar Tage später schlägt dieses Gefühl ins Genervtsein um, daraufhin sogar in Wut. Ich bin erschreckend stolz darüber, einem Freund gegenüber behaupten zu können:

“Also ich fand das neue Tame Impala-Album echt scheiße.”

Eine Frage, die mich immer begleitet, seit ich mich intensiver mit Musik beschäftige, ist: warum? Für mich haben sich vor allen Dingen folgende Gründe herauskristallisiert:

1.) Die sirenenartigen Synths, die man auf einigen Songs antrifft, nerven eher. (Mein persönlicher Nit-Pick.)

2.) Die Gitarre auf Posthumous Forgiveness ist doch aus Redbone von Childish Gambino geklaut!

3.) Mir gefällt das Songwriting stellenweise überhaupt nicht. Der Höhepunkt der simplen und cringeworthy Lyrics ist für mich der Song Instant Destiny, der an kindlicher Naivität kaum zu überbieten ist (“I’m about to do something crazy / […] We can get a home in Miami, go and get married / Tattoo your name on my arm”). Kann man als stilistische Wahl sehen, da es ja um frische Liebe und blindes Verliebtsein geht, die Erklärung finde ich aber zu platt. Denn Cringe war in gewisser Weise schon immer Teil des Songwritings von Tame Impala. Man denke nur an Cause I’m A Man auf dem Vorgängeralbum. Im Gegensatz zu “Currents” wirkt es hier jedoch, als sei das alles nicht mit einem selbstironischen Twist geschrieben worden, sondern vollkommen ernst gemeint.

4.) Der Titel ist Programm. Parker ist in Eile, aber er lässt sich viel Zeit. Etwas, das mich von Anfang an wohl am meisten gestört hat, ist, wie einzelne Songs immer wieder das Gefühl vermitteln, man steuert hier auf etwas zu, baut etwas auf, doch am Ende löst sich nichts davon auf. Das Album bringt nicht die Dringlichkeit mit, die wir von Tame Impala kennen. Es ist eine easy listening experience. Die Musik geht fließend in einander über, klingt irgendwie gleich und am Ende hat man den Eindruck, jede Düne in diesem Haus sieht doch irgendwie gleich uninteressant aus. Tame Impala ist zahm geworden. Diese Entspanntheit reflektiert sich im Opener “One More Year”. Ein verzerrter Synth-Chor versetzt uns in die Stimmung, mit der Parker an das Album herangegangen ist. Der Song ist das Äquivalent zu einem faulen Sonntag auf der Couch, an dem man sich zu irgendetwas aufraffen muss, auf das man überhaupt keinen Bock hat, was aber eben gemacht werden muss, weil es wichtig ist. Wählen, zum Beispiel.

Als über den Verlauf der letzten Jahreshälfte die Singles veröffentlicht wurden, war ich noch überschwänglich optimistisch. Ich erkläre stolz:

“Ich mag die neue Richtung!” 

Und so sind es auch die Auskopplungen Lost In Yesterday, It Might Be Time und Borderline, die bei mir hängen bleiben. In den letzten Wochen hat  man mich extrem oft “Cause it might’ve been somethin’, who’s to say? / Does it help to get lost in yesterday?” singen hören. Offenbar sind da also doch Fragmente von “The Slow Rush”, die hängengeblieben sind. Also widme ich mich dem Album erneut, zunächst etwas widerwillig, bis es dann auf Dauerschleife läuft. Mittlerweile haben sich auch Breathe Deeper und On Track zu meinen Lieblingstracks auf der Platte gemausert. Auch Songs, denen ich wirklich rein gar nichts abgewinnen kann, wie etwa Instant Destiny und Tomorrow’s Dust, muss man eines lassen: sie bleiben hängen. Kevin Parker hatte immer schon ein Händchen für Ohrwürmer. Damit meistert er etwas, was in aktueller Pop-Musik gefühlt immer schwieriger zu finden ist: Melodien.

Parkers Faszination von diesem paradoxen Gebilde namens Zeit diktiert die neuen Themen für Tame Impala. Man ist in Eile, aber alles bewegt sich so langsam. Auf Posthumous Forgiveness refleflektiert er den Tod seines Vaters, andere Motive sind die Angst vor der Alltäglichkeit (“I know we promised we’d be doing this ’til we die / And now I fear we might”), die eigene Vergänglichkeit. Parker ist verheiratet, lebt in Miami, tourt als Headliner auf den Festivals dieser Welt und ist endlich nicht mehr alleine. Sein Leben ist gut. Aber wie lange noch? Vielleicht steht Tame Impala doch nicht für Isolation, sondern für Unsicherheit. Dieser Unsicherheit verdanken wir, dass Parker sich nach fünf Jahren mit gemäßigter Eile wieder an eine Platte gesetzt hat. Auch wenn diese Trägheit zunächst gewöhnungsbedürftig ist, lohnt sich das wiederholte Anhören.

Der Sand auf dem Cover-Artwork, der Sand aus Kolmannskuppe, der bunten Ruine in der Wüste, könnte genauso gut in einer Sanduhr sein. Man schaut zu wie die Zeit wortwörtlich verrinnt. Plötzlich fühlen sich drei Minuten wie eine halbe Ewigkeit an. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich mit “The Slow Rush”.

Auch wenn mich das neue Tame Impala-Album nicht von Anfang an abholen konnte und meinen Erwartungen nach “Currents” nicht gerecht wird, bleibt doch der Wunsch nach mehr Pop-Musik wie dieser. Wenn schon Musik für nebenbei, easy listening und feel good, wenn schon eingängige Beats und Lyrics, dann doch bitte so.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein