Es ist der 26. März, etwa 14 Uhr. Um mich von der Arbeit im Home Office abzulenken, checke ich die offizielle Webseite der Industrial Rock-Band Nine Inch Nails. Das mache ich hin und wieder, einfach so, um zu schauen, ob Trent Reznor, der Kopf der Band, etwas geschrieben hat. – Keine neuen Meldungen. Unterbewusst hatte ich mit ein paar tröstlichen Worten zur Corona-Krise gerechnet. Naja. Vielleicht stillt ja etwas Konsum mein Verlangen nach Menschlichkeit und Zuwendung.

Ich öffne den Store und spiele mit dem Gedanken, mir irgendeine Platte zu kaufen. Auch das mache ich öfter. Doch dieses Mal ist etwas anders: Bei den Musik-Releases sind zwei neue Alben gelistet – GHOSTS V: TOGETHER und GHOSTS VI: LOCUSTS. Meine Haare stellen sich auf und meine Augen weiten sich. Neben dem Produkt steht Folgendes:

“TWO DIFFERENT RECORDS FOR TWO DIFFERENT MINDSETS.  DOWNLOAD NOW FOR FREE. STAY SAFE!”

Nicht eins, gleich zwei Alben mit neuem Material. Komplett umsonst. Ich downloade die beiden Zips ohne zu zögern. Mittlerweile gibt es auch eine Ankündigung von Reznor und seinem erneuten Kollaborateur Atticus Ross auf der Startseite. Ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche:

Freunde – es sind in der Tat seltsame Zeiten…

Die Nachrichten scheinen von Stunde zu Stunde immer düsterer zu werden und wir schwanken wie wild hin und her: zwischen dem Gefühl, dass es noch Hoffnung gibt und purer Verzweiflung – oft im Minutentakt. Obwohl wir beide uns als eher anti-soziale Menschen sehen, die es vorziehen, allein zu sein, hat uns diese Situation die Kraft von VERBINDUNG und das Verlangen nach IHR vor Augen geführt.

Musik – ob man sie hört, über sie nachdenkt oder sie erschafft – hat uns schon immer beim Bewältigen von Situationen geholfen – in guten wie schlechten. Um bei verstand zu bleiben, haben wir beschlossen, uns die Nacht um die Ohren zu schlagen und diese neuen Ghosts-Aufzeichnungen fertigzustellen.

Ghosts V: Together ist für Momente, in denen es sich so anfühlt, als wäre alles in Ordnung und Ghosts VI: Locusts… naja, Ihr werdet es selbst sehen. 

Wir haben uns besser gefühlt, als wir die Alben produziert haben und es fühlt sich gut an, sie zu teilen. Musik hat stets dazu geführt, dass wir uns ein bisschen weniger allein auf dieser Welt  fühlen… wir hoffen, sie bewirkt das gleiche bei Euch. Denkt daran, wir alle machen das gemeinsam durch und auch das alles wird irgendwann vorüber sein.

Wir hoffen, Euch bald wiederzusehen. Verhaltet Euch klug und sicher und passt aufeinander auf.

Mit Liebe,

Trent & Atticus

Der Name “Ghosts” dürfte einige Glocken bei Nine Inch Nails-Fans klingeln lassen: Die neuen Platten sind Fortsetzungen oder zumindest Brüder im Geiste eines älteren Projekts der Band. Ähnlich wie beim Album GHOSTS I-IV, das 2008 ebenfalls kostenlos im Netz veröffentlicht worden war, wartet NIN auch hier mit instrumentalen Kompositionen auf.

Während ich diesen Artikel schreibe, höre ich mir das erste, tröstliche Album “Ghosts V: Together” an. Das Cover ist einfach gehalten (das gleiche Layout wie beim “Ghosts”-Vorgänger von 2008) und erstrahlt in weiß, der Farbe der Hoffnung. Es erinnert mit seinen ambienten Klanglandschaften an die Soundtrack-Arbeiten des Duos. Seichte Piano-Klänge in einem melancholischen Bett aus Synthesizern. Gewürzt wird das Ganze mit Anklängen von Chören, manchmal hört man sogar Reznors Stimme heraus.

Das Album fängt die Emotionalität der aktuellen Krise perfekt ein. Das Streben nach dem, was einmal so selbstverständlich gewirkt hat – man muss sich distanzieren, um eines Tages wieder in den Genuss von Nähe kommen zu können. Den Drang nach Menschlichkeit, Berührung und den Glauben, dass alles wieder gut wird. Der erste Track heißt “Letting Go While Holding On” und fasst sehr poetisch und treffend zusammen, was wir alle eigentlich gerade durchmachen.

Das Cover seines Zwillings-Albums “Locusts” hingegen ist schwarz und verheißt damit Unheilvolles. Der Titel der Scheibe, die, so deutet Reznor an, wesentlich pessimistischer sein soll, verweist auf eine biblische Plage – “locusts” sind Heuschrecken. Ein apokalyptisches Bild, das düstere Endzeit-Assoziationen weckt, die sich mir in den letzten Tagen ebenfalls vermehrt aufgedrängt haben und leider auch einen erschreckend aktuellen Bezug haben: Tatsächlich leidet Ostafrika gerade unter der schlimmsten Heuschreckenplage seit Jahrzehnten…

Ich werde in den nächsten Tagen hoffentlich noch etwas Zeit finden, mir die beiden unerwarteten, aber sehr willkommenen neuen Einträge in NINs Diskografie genauer anzuhören, um ein Fazit hier auf Kulturfern präsentieren zu können. Bis dahin möchte ich Reznor und Nine Inch Nails für diese solidarische Geste danken und meinen Artikel mit einem Hauch Optimismus zu Ende bringen. Zusammen schaffen wir das.

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