Iggy – Lust for Life
von Sascha Hawemann und Johannes Kirsten
Schauspiel Hannover
Premiere: 06.12.18
Regie: Sascha Hawemann
Bühne: Alexander Wolf
Kostüme: Ines Burisch
Foto mit: Hagen Oechel, Jonas Steglich, Carolin Haupt

Vor kurzer Zeit las ich Marc Spitz’ David Bowie-Biografie und durfte missgünstig entdecken, dass sich doch tatsächlich ein Tippfehler eingeschlichen hattet: “Lust For Live” steht dort anstelle von “Lust For Life”. Ironischerweise ist es aber diese lust for live music, die mich dazu treibt, IGGY – LUST FOR LIFE ein zweites Mal anzusehen, nachdem ich schon vor Monaten die Freude hatte, es in der Preview zu erleben.

Die Musik wird von den Darstellern persönlich gespielt und das in einer packenden, originalgetreuen Interpretation. Teilweise klatscht das Publikum, das man wohl am wenigsten mit dem Wort “Punk” beschreiben kann, sogar auf den Takt mit. Es gibt zweimal Applaus. Sogar eine Zugabe muss gespielt werden. Ein Mann in der ersten Reihe springt vor Freude auf und verrenkt sich genauso wie der Mr Pop Himself. Ich würd nur zu gern mitmachen, aber zögere; etwas hält mich auf. Da ist keine Euphorie. Beim Rest der Besucher ist das offenbar ähnlich.

Mein großer Traum ist es, Iggy Pop einmal noch live erleben zu können (aber Tickets kosten 80€, dann noch Fahrt- plus Übermachtungskosten – kritisch!), außerdem bin ich Bowie-biografischen Stoffen gegenüber sowieso affin. Stundentenflaterate bzw. Presse-Perks regeln freien Eintritt, einer der mehreren Iggy-Darsteller ist wirklich sehr authentisch und vermag sich exakt so ekstatisch zu verbiegen wie das Original, außerdem ist das Stück unglaublich gut recherchiert, dabei detailreich. Als Bowie- und Iggy-Fan rate ich jedem Gleichgesinnten, diese Inszenierung zu besuchen. Für unter 80€ (dann noch Fahrt- plus Übermachtungskosten) ist dies die angenehmste Alternative, Iggy Pops Musik und Persona live zu erleben.

“Iggy würde jeden hier hassen” denke ich mir beim ersten Mal als ich von lauter Deutschlehrern und Theaterliebhabern umgeben bin – so wirkt zumindest die bebrillte und in Hemden verpackte Masse auf mich. Hier wird Rotwein aus Gläsern getrunken (und nicht Milch direkt aus der Flasche), hier wird sich intellektuell über Kunst unterhalten (nicht auf die Bühne gekotzt). Nicht, dass ich mir wünschen würde, es wäre auf die Bühne gekotzt worden, aber doch, irgendwie schon. Würde er wirklich jeden hier hassen? Würde er sich freuen zu sehen, dass man versucht, Punk in ein auf das intellektuelle Theater zugeschnittene Gewand zu pressen? Ich verwerfe den Gedanken schnell wieder, weil sein Bestie Bowie in Interviews nie müde wurde zu betonen, dass einem Künstler klar sein sollte, dass ihm jede Macht über sein Werk genommen würde, sobald er es mit seiner Umwelt teilt. Und Jim Osterberg mag ja Literatur und Kunst, nur sein dionysisches Alter Ego Iggy eben nicht.

Mein nächster Ansatz zur Kritik liegt mir sehr am Herzen. Es ist eine Kritik am “Medium” Theater selbst. Ich bin eben ein geborener Quengelknabe! Bei meinem Besuch von Dylan – A Changin’ war es zwar noch deutlich spürbarer, aber nun bin ich mir selbst vielmehr im Klaren, was mich an so vielen Inszenierungen am Schauspiel stört: mich überkommt das Gefühl, gar kein fertiges Theaterstück mit narrativem Anfang und Ende zu sehen, sondern zwei Stunden lang eine Pinnwand mit coolen Einfällen anzustarren. Dialogfetzen, philosophische Essays, Songtexte, Querverweise zu bekannten Literaten, alles fast schon willkürlich zusammenkehrt unter einer großen Überschrift – in diesem Fall: Iggy & Bowie in Berlin.

Auf Dauer ist das einfach sehr ermüdend, weil man irgendwann natürlich durchschaut, dass alles irgendwie ins Nichts führt. Kein Wunder, dass man am Ende nicht weiß, ob man klatschen soll. Ist es jetzt überhaupt zuende? War’s das schon? Das Gefühl nach einem Theaterbesuch ist oft dasselbe, das man empfindet, wenn man in einer Kunstgallerie vor einem weißen Gemälde steht, den “tiefsinnigen” Titel liest und nicht wirklich schlauer zum nächsten Gemälde schlurft. Aber immerhin gab es wirklich coole Musik, charismatische Darsteller und Bowie im SS-Catsuit!

Ich fand es schon ganz gut. Und der Mann aus der ersten Reihe erst…

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein