Es ist der 13. März. Wir befinden uns in Hannovers untergrundigstem Club, dem Chéz Heinz. Heute beehrt uns der gebürtig aus Fürth stammende Rapper Johnny Rakete im Zuge der “Kummer & Qualm”-Tour. Er hat nämlich sein erstes, im Oktober 2019 erschienenes Album “Trauriger Junge Mit Rauch In Der Lunge” zu bewerben. Johnny stellt sich uns mit seinem Klarnamen Dominic vor und bietet uns nach dem Interview Backstage Bier an. Während sich unser Redakteur Dennis psychisch auf sein Debüt als Interviewer vorbereitet, schmeißt Chefredakteur Jonas, der heute mal den Techniker gibt, das Diktiergerät an.

Der folgende Text erscheint in gekürzter und bearbeiteter Fassung. Das ganze Interview in ungeschnittener Form haben wir auf Soundcloud (dort auch als Download) und YouTube zur Verfügung gestellt. Im Hintergrund hört man die Gruppe Kafa Utopia beim Soundcheck, die an jenem Abend Johnnys Vorband war. (Vielen Dank, dass wir Euch dabei leaken durften, Jungs!)

Im Gespräch mit Johnny Rakete

KULTURFERN: Vor kurzem meintest du erst auf Twitter, dass du deinen Sound scheinbar endlich gefunden hast. Du experimentierst auch ein bisschen.. Kannst du uns sagen, wie das zusammenhängt?

JOHNNY: Ich war jetzt an einem Punkt, an dem ich gesagt habe, ich habe Boom Bap mit HawkOne einmal durchgespielt. (Anm. der Red.: HawkOne a.k.a. Johnnys Produzent) Drei EPs und ein Album… Ich dachte mir: Ich will etwas Abwechslung, ich will irgendetwas anderes machen. Aber versuch mal was anderes zu machen, wenn du zehn Jahre lang eine Sache gemacht hast! Es ist anfangs ein sehr frustrierender und belastender Prozess von: Hören, Versuchen, Scheißefinden. Hören, Versuchen, Scheißefinden. Nach dem Album hat es sehr lange gedauert, bis ich sagen konnte: “Hey! Okay, das ist etwas, was ich geil finde.” Und was kann ich dazu sagen? Macht es überhaupt Sinn, etwas dazu zu sagen? Eigentlich nicht. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich aktuell sehr viel Phonk- und Südstaaten-Rap höre. So Memphis-Zeug. ThreeSix Mafia, Devilish Trio. Das hat aktuell viel Einfluss auf den Sound, den ich mache. Detaillierter kann ich noch nicht drauf eingehen, weil ich das auch erst seit vorgestern weiß. (lacht)

“Ich bin wieder ein Anfänger und es ist voll geil”

Lil Peep hat viel dazu beigetragen, dass ich mich in eine andere Richtung öffne. Shoutout auch an Odd John, der hat mich auch dazu verleitet, mich musikalisch aus diesem super-klassischen-straighten-Rap-Rahmen heraus zu bewegen. Mal gucken was dabei rauskommt. Aber ich glaube, das wird geil. Ich finde es interessant, nach zehn Jahren wieder ein Anfänger zu sein. Ganz banales Beispiel: Auf Memphis Beats musst du anders schreiben. Du flowst anders. Ich habe zwar immer Südstaaten-Rap gehört, aber das hat auf meine Art zu rappen bisher gar keinen Einfluss gehabt.

KF: Man hört es zwar und weiß, das hat was mit Rap zu tun, aber man nimmt es nicht so wahr.

JOHNNY: Beim Basketball-Zocken haben wir Südstaaten-Sound gehört. Aber ich hab keine Südstaatenflows in petto. Das ist nicht meine Rap-Sozialisation. Deswegen ist es cool, sich jetzt hinzusetzen und zu merken, dass dieser Boom Bap-Baukasten, den ich mir über die letzten zehn Jahre zusammen gebaut habe… diese Grundlage. Die bringt mir einen Scheiß. Ich bin wieder Anfänger und es ist voll geil. Es macht wieder voll Spaß…

KF: So als hätte man einfach ein neues Spielzeug gefunden.

JOHNNY: Du musst erstmal lernen wie es funktioniert.

KF: Instrumentalisten freuen sich ja auch immer, wenn sie die fünfte Gitarre kaufen und gucken was damit so geht. Neues Effektpedal…

JOHNNY: Und ich mach jetzt halt neue Flows. Das macht Spaß. Man kommt sich manchmal noch ein bisschen whack vor. Aber du weißt, du kannst es noch besser. Es ist nur noch der Prozess, bis du da ankommst. Aber das ist okay. Nach einem Album kann man sich, glaube ich, ein Jahr oder zwei ausruhen, bis man wieder was rausbringt.

KF: Man hat ja auch schon ein bisschen gewartet, bis das Album endlich erschienen ist – auch wenn immer wieder EPs kamen.

JOHNNY: Von der letzten EP bis zum Album war bis jetzt der längste Zeitraum ohne Musik von mir. Das stimmt. Ich war ein bisschen faul… Aber ich bin auch umgezogen und lauter so Sachen.

“Es ist immer schwierig, sich selbst zu beurteilen. Es ist einfacher, wenn andere das machen.”

KF: Stimmt. Du bist jetzt nach Berlin gezogen. In einem anderen Interview hast du auch erwähnt, dass es eine krass andere Erfahrung ist: Weil Berlin schon dreckig, aber auch sehr liberal ist. Hat es dich auch vom Sound her beeinflusst? Man hat in Berlin ja gerade einen interessanten Untergrund.

JOHNNY: Ich sag dir ganz ehrlich: Ich hab vorgestern den ersten 16er dieses Jahr geschrieben, mit dem ich zufrieden bin. Beeinflusst bestimmt, aber ich könnte nicht sagen, auf welche Weise. Ich glaube, es sind am Ende eher die Fans, die die Songs dann hören, denen die Entwicklung und der Unterschied krasser auffällt als mir selbst. Es ist immer schwierig, sich selbst zu beurteilen. Es ist einfacher, wenn andere das machen.

KF: Das stimmt. Zumal wir dann auch das fertige Produkt an einem Stück haben. Auf “Trauriger Junge Mit Rauch In Der Lunge” klingst du ja auch ganz anders als auf den EPs, die du davor gemacht hast.

JOHNNY: Findest du?

KF: Nicht soundmäßig, sondern eher von den Themen her. Es ist schon wesentlich dunkler.

JOHNNY: Ja.

KF: Natürlich hat man immer noch die klassischen Elemente: Den HawkOne-Sound zum Beispiel. Der zieht sich da ja durch. “1 oder 10” war auch ein relativ klassischer Song, den man direkt mit dir assoziieren würde. Aber auf “60 Leben”, steigst du zum Beispiel direkt ein mit: “Ich sag ‘ich sag fick dich’, wenn du willst, dass ich nicht mehr traurig bin”. Das ist schon eine deprimierendere Grundstimmung, als bei dem, was man vorher von dir gehört hat.

JOHNNY: Ja, es ist schon düsterer geworden. Das stimmt. Ich weiß nicht, ob das an Berlin liegt. Ich weiß beispielweise, dass ich in Berlin zwei Monate an den letzten vier Zeilen von “Pech und Schwefel” saß.

KF: Ach du Scheiße…

JOHNNY: “Bevor sie mir den Rest geben, nehm ich ihn mir selbst.” Für diesen Vierzeiler habe ich zwei Monate gebraucht. Weil ich davor andere vier Zeilen hatte, die eigentlich an die Reimkette davor angeschlossen hätten. Aber von dieser Vierer-Reimkette habe ich nur drei Zeilen hinbekommen. Dann musste ich andere vier schreiben. Das ist manchmal so bei mir. Manchmal schreib ich 16er in zehn Minuten, manchmal sitze ich zwei Monate an einem Vierzeiler.

Redakteur Dennis mit Johnny auf der Casting-Couch © Jonas Helmerichs

KF: Noch einmal zu HawkOne. Er hat die meisten deiner bisherigen Projekte produziert. Wenn du nun aber sagst, du hast dir einen neuen Sound erschlossen: Heißt das, man hört demnächst mehr Eigenproduktionen von dir? Du leakst ja auch immer wieder Beats auf Twitter und Instagram.

JOHNNY: Es wird definitiv viel auf Eigenproduktionen passieren… einfach weil ich Bock habe. Ich hab Hawky natürlich auch schon alle meine aktuellen musikalischen Inputs gegeben. Der wird mir bestimmt auch demnächst mal wieder etwas vor die Füße spucken. Ich bin offen, was Beats angeht. Aber Mann, ich will Hawky jetzt nicht nochmal einen Monat in den Kerker sperren und Brot hinwerfen für jeden Beat, weiß du? Er hat jetzt genug gearbeitet, der gute Mann. Der kann es sich jetzt auch mal kurz bequem machen in seinem Nest und ein bisschen Vogel-Dinge tun.

KF: Mit den Forcki9ers, oder?

JOHNNY: Was auch immer er tut… Mit den Forckis ist er am tun. Der hat ja auch ein Privatleben, der Mann. Der muss ja nicht die ganze Zeit arbeiten! Der soll auch mal chillen! Wenn mal wieder hier und da ein Beat kommt, ist das cool. Aber ich will ihn jetzt nicht wieder mit der Peitsche antreiben – “mach, mach, mach!” Das muss ja nicht sein.

Es kann ja nicht schaden, als Rapper die Grundlagen des Beat-Produzierens zu beherrschen.

KF: Die Frage kommt daher, dass du vor allem auf Twitter sehr viel über das Produzieren schreibst. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem man nicht durch die Timeline scrollt und dann ein Johnny Rakete darüber tweetet, dass er ein neues Sample gefunden hat.

JOHNNY: Ich produziere auch jeden Tag! Ich sitze original jeden Tag in Ableton am Bauen. Seit Berlin safe jeden Tag. Ich hab 300 Beats auf der Festplatte.

KF: Sind das eher so 16er oder 4er Loops? Oder: Sind das Beats, die perfekt ausproduziert sind oder eher so Sachen, wo man hier und da noch Fills machen müsste?

JOHNNY: Unterschiedlich…

KF: 300 ist schon eine Zahl.

JOHNNY: Du musst auch überlegen: 300 in einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren. Lass mal pauschal sagen, die Hälfte ist zu alt und Müll. Dann hast du nochmal 150. Von diesen 150 würde ich sagen, sind fünfzig grundsätzlich Sachen, die irgendwie verwertbar wären. Von diesen fünfzig sind etwas weniger als die Hälfte arrangiert. Die müssten praktisch nur noch an meinen DJ gehen, damit er die noch einmal schön mischt und mastered. Also ja! Ich habe theoretisch genug fertiges Beat-Material, um Songs zu schreiben.

KF: Also kommt auf jeden Fall weniger von HawkOne…

JOHNNY: Ich hab ja auch eine klassische Klavierausbildung gemacht. So Musik auf Tasten drücken, das ist eh mein Ding. Und ich merk einfach ich hab Spaß. Es ist eine andere Art, meine Kreativität umzusetzen: Manchmal hab ich Bock auf Musik, aber gerade nicht den Kopf, um zu schreiben. Dann ist es voll geil Beats zu bauen. Ich bin ein musikalischer Mensch. Ich liebe Produzenten, ich liebe Beats. Es ist naheliegend, das auch selbst zu machen. Und ich will es mir auch selbst beweisen… Dass ich mir für das, was ich sage, auch selbst einen nicen Unterbau bauen kann. Das finde ich wichtig. Es kann ja nicht schaden, als Rapper die Grundlagen des Beat-Produzierens zu beherrschen.

KF: Das gehörte ja auch immer schon dazu, sich da reinzufuchsen.

JOHNNY: Kanye West ist das beste Beispiel, was rappende Produzenten angeht. Lord Finesse…

KF: MF Doom…

JOHNNY: Doom, Havoc von Mobb Deep. Die haben auch alle komplette Alben produziert und geschrieben.

KF: Leute wie MC Bomber zum Beispiel arbeiten auch nach dem Baukastensystem, das du erwähnt hast. Die schreiben teilweise ohne Beat. Der wird dann eben im Nachhinein draufgelegt. Aber wenn du selbst deine Beats baust, kannst du ja auch ganz andere Einflüsse aufnehmen und musst nicht genau den 16er schreiben. Man kann sich freier entfalten.

JOHNNY: Hm… finde ich interessant, dass er das so kann. Ich könnte 16er zwar auch ohne Beat schreiben. Aber die würden alle gleich klingen.

KF: Das meine ich! Man kann eben andere Soundwelten erforschen, wenn man selbst am Instrumental sitzt.

JOHNNY: Egal, von wem der Beat ist… derjenige arrangiert ja auch, setzt Breaks oder packt irgendwo noch eine extra Melodie rein. Für mich als Rapper sind das Punkte, an denen ich mich orientieren kann. Ich schreibe auch immer auf, was an welcher Stelle in einem Beat passiert und ändere dementsprechend den Melodieverlauf beim Singen. Für mich persönlich ist es super wichtig den Beat vorher zu haben. Nur so wirst du ihm gerecht. Klar, jeder meiner 16er passt auch auf irgendeinen anderen Beat. Aber am besten passt er auf den, auf den man schreibt.

KF: Kleines Danke an dieser Stelle, dass du oft deine A-Capellas zur Verfügung stellst.

JOHNNY: Ja, sehr gerne. Wobei, ich überlege gerade, welche Songs ich nicht auf die Beats geschrieben habe. “Kritiker”… Die ersten beiden Strophen wurden auf einen Fugees-Beat geschrieben… “How Many Mics”, genau!

KF: Ah, dieser Klassiker!

‘Wenn Katzen streiten’ hab ich in einer halben Stunde geschrieben.”

JOHNNY: Auf dem neuen Album ist alles bis auf zwei Songs auch auf den Beats entstanden. Die einzigen Ausnahmen sind “Manchmal” und “Einbahnstraße”. Und “1 oder 10” war ursprünglich auch auf einem anderen Beat. Ja genau, die drei glaub ich. Mittlerweile passiert es schon. Es liegen irgendwo noch sechs Zeilen rum, die zufällig gut passen. Und dann schmeißt du die drauf. Aber so richtig stur zu sagen: “Ich schreib jetzt 16er und pack die auf irgendeinen Beat” – das könnte ich nicht.

KF: Vielleicht ist das auch nur so eine angeberische Untertreibung. Es gibt ja auch Rapper, die behaupten, sie schreiben einen Text in fünf Minuten, der besser sein soll als einer, an dem man tagelang geschrieben hat.

JOHNNY: Das passiert! Ich habe 16er in zehn Minuten geschrieben. Killer! “Wenn Katzen streiten” habe ich in einer halben Stunde geschrieben. Eine Stunde maximal. Ich bin mal nachts um 3 Uhr von einer Party gekommen. Ich war komplett angepisst. Ich hatte einfach einen schlechten Tag bzw. Abend und ich war sauer. Echt, ich habe das in einer halben Stunde runtergerattert. Manchmal passiert sowas im Modus, wie Zauberei. Und manchmal sitzt du drei Monate an fünf Zeilen. Oder an einem Reim.

KF: Vier Zeilen, die man dann austauschen muss, weil man Probleme mit der Reimkette hat! (lacht)

JOHNNY: Solche Sachen gibt es. Das kannst du schon abkaufen. An einem guten Tag schreibe ich in fünf Minuten etwas Besseres als Rapper XY an einem schlechten… Weißt du? Ich würde nicht sagen, dass viel Zeit für einen Text prinzipiell eine Garantie dafür ist, dass er besser wird.

KF: Wir haben viel über das Produzieren gesprochen. Ich wollte dich darum zum Abschluss fragen, ob du ein oder zwei Produzenten bzw. Releases kennst, die du empfehlen würdest. Die Szene wird ja immer größer und das Thema immer wichtiger.

JOHNNY: Produzenten-Tapes! Da fangen wir auf Platz 1 an… Der gute Hentzup, der als mein DJ mit mir auf Tour ist. Der hat ein Beat Tape das heißt “1993”. Das solltet ihr ganz dringend hören. Das ist eine 10/10. Dann hört euch die Sache von Meister Lampe an. “Orb I”, “Orb II”. Großartiger Shit! Funky Notes kann ich auch jedem von euch nur ans Herz legen. Hört euch die Sachen von Seven Apes an. Großer Typ, ich mag seine Beats sehr. HawkOne – natürlich eh alles, was es gibt. Und haltet die Lauscher offen! Da passiert demnächst wahrscheinlich auch noch etwas. Das waren ja schon mal fünf. Hentzup, Meister Lampe, Funky Notes, Seven Apes und HawkOne. Das sind gute Produzenten.

KF: Dann danke ich dir für das Interview!

JOHNNY: Ja, sehr gerne!

 

Das Interview führte Dennis Yildiz am 13. März 2020. Marlon Majora & Jonas Helmerichs transkribierten und editierten.

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