Jean-Luc Godard ist ein Regisseur, für den ich gerne Französisch lernen würde.

Für seinen letzten Film BILDBUCH wäre das eigentlich eine Grundbedingung, denn stellenweise erwecken die Untertitel den Eindruck, dass wer auch immer für die Untertitel verantwortlich gewesen ist, selbst keine Lust hatte, alles Gesagte zu untertiteln. Ehrlich gesagt: Ich fühle dich Bro. Da hätte ich auch einen Nervenzusammenbruch bekommen. Teilweise legt Godard Tonschnipsel so übereinander, dass sie sich überlappen, miteinander in Dialog treten oder whatever. Jedenfalls ist es nicht hilfreich, kein Französisch zu sprechen, wenn Untertitel teilweise ganz fehlen. Mitten im Film frage ich mich, ob das vielleicht sogar Absicht war… um den Fokus auf die Bilder zu lenken etwa. Das hier soll immerhin ein Bildbuch werden. Diese übersättigten, verfremdeten Bilder, alle scheinbar lose aneinandergereiht und zusammengesammelt aus Filmen und Fernsehberichten aller Zeiten und aller Länder. BILDBUCH fühlt sich am Ende am ehesten so an, als würde Godard ein Fazit nicht nur zu seinem eigenen Werk, sondern auch der gesamten Filmgeschichte ziehen. An dieser Stelle stöhne ich beim Schreiben hörbar. 

Nieder mit der Kritik der Ehrfurcht!

Ich habe generell eine schwierige Beziehung zu Experimental-Filmen oder genauer gesagt, Avantgarde-Filmen. Ein Feuilleton-Kritiker würde jetzt wahrscheinlich einen vom Schwan erzählen; Wie meisterhaft Godard die Filmgeschichte kollagiert, um die Disparitäten zwischen dem ausbeuterischen Westen und dem abgehängten Nahen Osten aufzuzeigen. Aber damit würde man nicht wirklich seiner Aufgabe als Kritiker nachkommen und einfach einsehen, dass man vor diesem Film aufgeben muss. Man ist Godard, diesem Auteur, dem Meister des politischen Avantgarde-Kinos wohl einfach intellektuell unterlegen. So muss es sein. Man ist wahrscheinlich zu dumm, um diesen Film in seiner Gänze zu verstehen. Also bleibt einem nichts übrig, als in Ehrfurcht zu erstarren. Aber eigentlich ist das Problem woanders. Ich glaube ernsthaft, dass Godard Dinge mit diesem Film aussagen möchte, die relevant sind. Aber wie er es tut, ist fragwürdig. Manchmal ist umständlich nicht immer klug, experimentell nicht immer revolutionär. Man muss dieses und jenes Buch, das mal kurz gezeigt oder zitiert werden gelesen haben, diesen und jenen Film gesehen haben und so weiter. BILDBUCH ist die Avantgarde-Version eines vor Referenzen überflaufenden Marvel-Blockbusters. Es kommt mir vor wie in einer Beziehung, wo der eine ständig seine Bedürfnisse durch irgendeinen Code kommuniziert wie etwa:

“Ach der neue Godard-Film ist ja jetzt auf MUBI” anstatt sie direkt anzusprechen – ergo: “Ach Schatz, wäre es nicht schön, wenn wir beide mal wieder zusammen einen Abend auf der Couch verbringen, einen Film schauen und uns danach stundenlang in Gesprächen darüber zu verlieren, was er für uns bedeuetet hat?”

Das Problem mit dem Experimentalfilm

Godard ist Anti-Kapitalist und immer sagt er kluge Dinge, fasst pointiert komplexe Sachverhalte in einem Satz zusammen. Bemerkungen zu der wachsenden Schlucht zwischen Arm und Reich, dem Westen und dem Osten, ideologischen Unterschieden usw. Aber nie sagt er etwas wirklich konkretes. Was Godard sagen möchte außer “Kapitalismus kacke” ist ungewiss. Wie könnte man dem westlichen Ideologie entgegenwirken? Das fände ich ja spannend. Denn dass Kapitalismus ein Problem ist und was er so für Missstände bewirkt, das ist ja nichts Neues. Lösungsansätze wären doch mal schön. Weltoffenheit ist ein Ansatz, der hier auftaucht. Bildung. Gut, aber neu ist dieser Blickwinkel auch nicht so wirklich. Mit seinen Aphorismen geizt der Regisseur ebenso wenig wie mit Sound-Editing, das oft so willkürlich und irritierend erscheint, dass es selbst den Beatles irgendwann zu viel geeworden wäre. Im Prinzip ist es ja auch egal, sich um eine Narrative zu bemühen, die Menschen emotional berührt, um ihnen zu zeigen, dass ihr kapitalistischer Lebenswandel vielleicht nicht der Richtige ist. Eine straightforward Story in irgendeinem von Krieg und Armut geplagtem Land, in dem ein Einzelschicksal dargestellt wird. Aber Godard geht es nicht um Einzelschicksale. Es geht ihm um das große Ganze. Er würde wahrscheinlich auf meinem Wunsch nach einer “traditionellen” Narrative sowas erwidern wie, dass Kino ja nur manipuliert. 24 Lügen pro Sekunde. Ein Einzelschicksal wäre wahrscheinlich eben zu verallgemeinernd oder zu begrenzt und überhaupt: Eine fiktive Geschichte lädt natürlich dazu ein, dass Zuschauer sich nicht näher mit dem Thema beschäftigen und stattdessen alles abtun mit dem Satz “war ja nur ein Film”. Da bin ich auch ganz und gar seiner Meinung. Muss es dann aber ein Schnittgewitter sein, das sich selbst Experimental-Essay schimpft?

Ein Experimental-Essay… heißt das, man darf sich den Regeln eines Aufsatzes widersetzen? Keine Prämisse muss formuliert werden. Man verweigert sich einer Argumentationsstruktur, muss also auch nicht erklären, wie man vorgeht. Man braucht auch kein Fazit. Ist ja experimentell. Braucht man alles nicht. Soll der Zuschauer sich doch selbst was ausdenken. Selber denken, eigentlich ja eine gute Message. Beispiele, die eigentlich eine Argumentation stützen sollten, wirft Godard nur so um sich. Nur ohne echten Kontext. Ja, es gibt Kapitel. Aber was er sich hinter einzelnen verwendeten Szenen gedacht haben mag, das weiß wohl nur der werte Auteur selbst.

Dann aber hätte der Altmeister der Nouvelle Vague ja auch einfach einen Buchclub gründen können, anstatt so ein “assoziatives Kino” zu bedienen, das darauf abziehlt irgendeinen Sonderpreis auf irgendeinem Filmfestival zu gewinnen, weil irgendeiner in der Jury denkt, dass es clever und Avantgarde ist. Nicht, dass man mir hier Anti-Intellektualismus vorwirft. Ich bin nur frustriert, wie unkrititisch so manches Werk angepriesen wird, nur weil es sich selbst Avantgarde nennt. Allen Regeln des Films und jegliche Struktur zu ignorieren kann auch innovativ und anregend sein, ist aber meistens nur prätentiös und dient letztenendes nur der Entfremdung des Zuschauers. Eine schlaue Herangehensweise, wenn man ja eigentlich aufklären möchte! Avantgarde-Kino hat nichts mehr mit Aufklärung zu tun, sondern nur noch mit Entfremdung.

Für wen ist der Film eigentlich?

Na gut, Herr Godard, ein schönen bunten Film haben Sie da zusammengeschnitten. Aber was nun soll der liebe Zuschauer denn mitnehmen aus diesem Film? Soll er in Ehrfurcht erstarren vor diesem Bildgewitter und dem bedeutungsschwangeren Gemurmele Ihrer Stimme? Ja klar, das ist alles ein Gegenentwurf zum Mainstream-Kino. Das vor Pathos und Ideologie nur überquellenden Unterhaltungskino. Das Kino des Proletariats. Aber Herr Godard, an wen ist denn die Botschaft dieses, Ihres Films gerichtet, wenn nicht an das Proletariat, dass ja im marxistischen Sinne die Revolution anführen soll? Sie müssen es doch eigentlich besser wissen. Sie müssten doch wissen: Akademiker und Bildungsbürger, die schauen Ihre großartigen meditativen Avantgarde-Essays. Und auch die sprechen darüber wie toll und relevant ihre Filme doch sind, während sie zugleich keine weiteren Anstalten machen, um die Ständegesellschaft aufzulösen, die Sie doch so leidenschaftlich gern kritisieren. Bildungsbürger sind es doch in der Mehrheit, die ins Programmkino strömen, um den neuen Godard bei einem Gläschen Biowein zu genießen.

Ich glaube ja ganz fest daran, dass Godard den Film für niemanden als sich selbst gemacht hat. Denn niemand als er selbst kann jemals verstehen, was er beabsichtigte, als er diesen und jenen Filmclip ausgewählt hat. Und überhaupt: Er ist ja wohl auch die einzige Person, die alle diese Filme gesehen hat, die er da verfremdet und in neue Kontexte stellt. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viel Arbeit da in den Schnitt geflossen ist. Wenn ich nämlich in einer Sache in Ehrfurcht erstarren würde, dann vor der unglaublichen Arbeit, die Godard geleistet haben muss. Die Auswahl der Filmauschnitte, die Komposition der Szenen. All das folgt natürlich dem typisch Godard-esken Rhythmus. Und es fühlt sich wahrlich an wie eine Musikkomposition. Eher eine Partitur als ein Film, mit einer Vielzahl an Instrumenten, handverlesen und mit Bedacht gespielt, alles ist dort, wo es hingehört. Hier war ein Mann seines Fachs am Werk. Ja, BILDBUCH fühlt sich in seiner Gänze erhaben an. Obwohl es fast vollständig aus zusammen “geklauten” Filmszenen besteht, unfassbar originell.

Verweigerung durch Auseinandersetzung

Möglicherweise soll man den Film ja nur erleben. Ich zumindest bin immer wieder abgeschweift bei meinen Versuchen, ein großes Thema zu finden, etwas, was nach klarer Aussage klingt. Ich habe mich verloren in den von Godard kuratierte Bildern und war wie hypnotisiert. Die spärlichen Untertitel haben mich dann gar nicht mehr interessiert. Aber dann merkte ich doch, wie Godard gerade versuchte, etwas Wichtiges zu erzählen. Darüber, wie wir als Gesellschaft für unser eigenes Elend verantwortlich sind. Das hier ist eben nicht einfach nur eine audiovisuelle Erfahrung. “Assoziates Kino”. Das ist sowieso so ein bildungsbürgerliches, avantgardistisches Totschlagargument, das mich immer wieder aufregt. Ach. Dieses Geflackere auf dem Bildschirm soll also eine “Erfahrung” sein. Danke! Das macht die verschwendeten 25 Minuten wesentlich angenehmer.

Natürlich bietet Godard aber eben weit mehr als ein simpler Flicker-Film. Mehr Futter für die eigene Auseinandersetzung mit den von ihm angesprochenen Themen. Aber ich glaube, Godard ist ziemlich egal, was ich beim Schauen des Films gedacht habe. Er hatte wahrscheinlich einfach nur wahnsinnig Spaß, diesen Film zusammenzuflicken und seine Vision, seinen Bewusstseinstrom ungefiltert in die Öffentlichkeit zu posaunen. Keine Ahnung, ob diese oberflächliche und schwer zugängliche Kritik an der westlichen, kapitalistischen Welt auf hörige Ohren trifft. Man wünscht es sich, denn es ist ja nicht so als ob ich anderer Meinung wäre als er. Vielleicht lese ich ja wirklich mal das eine oder andere Buch und schaue den einen oder anderen Film, der im Abspann gelistet wird.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein