“For Two Thousand Years” von 1934 ist ein Buch, das zu früh geschrieben wurde. Es fängt die Essenz dessen auf, wie es gewesen sein muss, als Jude im brodelnden Zwischenkriegs-Europa zu leben. Jedoch noch Jahre vor den Pogromen, Todeszügen und Massengräbern. Das ist auch gerade heute hochaktuell, wo es doch oft so scheint, als würden wir uns in einer ähnlichen Lage befinden. Katastrophen scheinen bevorstehen, zwar nicht alle aus menschlicher Hand. Es brodelt und vielleicht stehen wir bald ja wieder vor einer ähnlichen Situation…

Das Buch beginnt im Jahr 1923. Der namenlose Protagonist befindet sich in der Universität. Er wird regelmäßig geschlagen, teilweise auch im Unterricht, doch er akzeptiert diese Realität. “I received two punches during today’s lectures, and I took eight pages of notes. Good value, for two punches.”

Der Autor Mihail Sebastian ist 1934 bereits ein etablierter Autor in der rumänischen Literaturszene. Er  ist hoch angesehen in intellektuellen Kreisen und mit wichtigen rumänischen Intellektuellen befreundet; etwa mit dem Philosophen Nae Ionescu und dem Religionswissenschaftler Mircae Eliade. Jedoch waren eben diese, wie auch viele andere Freunde Sebastians, Sympathisanten und Unterstützer der antisemtischen Eisernen Garde – der größten faschistischen Bewegung im Zwischenkriegs-Rumänien. Sebastian ließ Ionescu das Vorwort für seinen Roman verfassen. Dieser nutzte die Gelegenheit prompt als Vehikel für eine antisemitsche Tirade, in der er auch Sebastian angriff:

“Are you Iosif Hechter (Sebastian’s real name), a human being from Braila on the Danube? No, you are a Jew from Braila on the Danube.” Dennoch entschied sich Sebastian dafür das Vorwort in seinem Buch zu belassen, was einen Skandal auslöste, in dem Sebastian selbst vorgeworfen wurde ein Antisemit zu sein.

Mich fasziniert an Mihail Sebastian, dass er sich nicht von seinen Freunden abkapselte, selbst dann nicht, als diese ihre Meinungen auch vor ihm öffentlich preisgeben. Davon erzählt er in seinem ebenfalls höchst empfehlenswerten Tagebuch, das er von 1935 bis 1944 schrieb.

Als der rumänische König 1938 die absolute Macht im Land übernimmt, verfolgt er Mitglieder der Eisernen Garde. Auch Ionescu wird gefangen genommen. Sebastian sorgt sich um seinen Freund und versucht aktiv herauszufinden, was mit ihm geschehen ist.

Viele der anderen Figuren in “For Two Thousand Years” dienen dem Zweck, den Protagonisten mit seiner jüdischen Identität zu konfrontieren. Da ist Sami Winkler, ein Zionist, der ihn davon überzeugen möchte, dass er ebenfalls für ein jüdisches Heimatland in Palästina kämpfen sollte; S. T. H., dessen voller Name nie genannt wird, ist ein Kommunist; Marga Stern, seine Geliebte in dem ersten Teil des Buches, über die er schreibt: “The fact is, Marga is a woman before she is a Jew. And if the destiny of the race compels her towards insecurity and uncertain dreams, her destiny as a woman – which is more powerful – returns her to the earth and binds her to it.”

Auch wenn man die Debatte über die jüdische Identität und den historischen Kontext aus dem Buch nehmen würde, bliebe immer noch eine Geschichte voller bunter und interessanter Charaktere, reich an erinnerungswerten Momenten. Kleine Observationen sind es, die Sebastian zu einem exzellenten Autor und Protokollant seiner Lebensumstände zu seiner Zeit machen. Zum Beispiel erkennt sein Charakter in einer Bar voller Revolutionäre, dass Bärte immer häufiger in Zeiten der Unruhe auftreten, da es der einfachste Weg ist, um mysteriös zu wirken. And anderer Stelle lehnt ein Revolutionär in eben dieser Bar seine Zigaretten ab, weil es sich um “Bourgeoisie-Zigaretten” handelt – also ein minderwertiges Produkt für eine mutmaßlich minderwertige Klasse von Menschen.

Mihail Sebastian fiel nicht der Shoah zum Opfer. Allerdings litt er dennoch unter dem Antonescu-Regime des Zweiten Weltkriegs und verlor seinen Beruf. Kurz nach dem Krieg wurde er zum Professor für Literatur an die Universität Bukarest berufen. Er wurde jedoch auf dem Weg zu seiner Antrittsvorlesung am 29. Mai 1945 von einem Lastwagen überfahren. Er war 37 Jahre alt.

Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, in gewisser Weise reimt sie sich aber. Es ist daher immer wichtig, Literatur aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und auch der Zwischenkriegsjahre wieder hervorzukramen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Man muss sich bloß umschauen, um zu sehen, dass es gerade in Europa der Nationalismus und auch der Antisemitismus aufblüht. Aktuell ist Rassismus gegenüber Asiaten, die als Überträger von COVID-19 regelrecht gebrandmarkt werden, an der Tagesordnung. Was sich einem auch aufdrängt ist der aktuelle Fall von Polizeigewalt in Minneapolis. George Floyd ist ein weiterer Afroamerikaner, der ermordet worden ist.

“For Two Thousand Years” ist nicht etwa ein Werk der Statistik und es legt auch nicht einfach trocken Fakten über die Shoah dar. Es ist ein menschliches Buch, ein Buch das zeigt, dass Menschen nicht einfach in eine religiöse oder ethnische Kategorie gesteckt werden können, sondern, dass jedes Individuum einzigartig ist. Deswegen sind Bücher wie “For Two Thousand Years” genauso wichtig wie das Tagebuch der Anne Frank oder Viktor Frankls “Trotzdem Ja zum Leben sagen”.

Letztlich möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat aus dem Buch beenden: “A book either knocks you down or raises you up.”

Dieser Satz trifft nicht auf das Buch selbst zu. “For Two Thousand Years” schafft beides: Es schlägt den Leser mit der Brutalität der Realität seiner Zeit nieder. Und es hebt ihn wieder auf, mit seiner literarischen Qualität und der Ehrlichkeit des Autors.

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