Wie wurde eigentlich der schüchterne David Jones aus der Londoner Vorstadt Bromley zu Ziggy Stardust, dem Rockstar-Messias vom Mars? Das ist das Thema. Warum es sich lohnt, auch in diese Aufzeichnung von David Bowies Leben einen Blick zu werfen, obwohl man vielleicht schon die eine oder andere Biografie daheim hat.

BOWIE: STERNENSTAUB, STRAHLENKANONEN UND TAGTRÄUME (originaler Titel: Bowie: Stardust, Rayguns, & Moonage Daydreams) wurde so ziemlich überall besprochen. Von Comic-Blogs, Rundfunkanstalten und Zeitungen. Wenn man einen Comic-Band zu einem der größten Rockstars aller Zeiten herausbringt, kann man wohl damit rechnen, Aufmerksamkeit zu erregen. Ich stelle mir gerne vor, dass in all den Redaktionen, die sich der Graphic Novel annahmen, mal mehr, mal weniger heimliche Bowie-Fanatiker sitzen, die sich nicht zweimal haben bitten lassen, die Biografie ins Programm zu nehmen. So geht es mir zumindest. Und mal ehrlich: Wer die schillernden Kostüme aus Bowies Glam-Ära kennt, fragt sich, warum nicht schon eher ein Comic zu dieser Phase seines Lebens erschienen ist.

Der Band wurde geschrieben und gezeichnet von Mike Allred, dem man dem geneigten Comicleser nicht vorstellen muss. Er ist bekannt für seinen unverkennbar cartoonhaft-verspielten Stil – umso überraschter wird man da sein, wenn man sich die Seiten anschaut. Allred kann auch realisitisch ganz gut. Gekonnt stellt er Anekdoten dar, bekannte Momente, die man bereits aus zeitgenössischen Fotografien kennt, malt Albumcover nach und in besten Momenten des Comics fügt er den Songs von David Bowie eine visuelle Interpretation bei: Es macht Spaß, zu erraten, welcher Song dann gemeint ist, denn Lyrics werden selten abgedruckt. Allred reizt die Stärke des visuellen Mediums hier gekonnt aus. Jeder von uns hat schließlich beim Hören von Musik bestimmte Bilder im Kopf, jeder hat seine eigene, ganz und gar individuelle Interpretation. So stellt Allred etwa das “girl with the mousy hair” in einen Kinosaal, in dem sie “sailors fighting in the dance hall” anschaut… in meinem persönlichen Kopf-Bild der herzzereißenden Hymne “Life On Mars?” sitzt das Mädchen auf einer Couch und sieht fern. Der Couch in dem Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte, um genau zu sein. Hier strahlt Allred mit gewohntem Einfallsreichtum.

Der Rest des Comics ist eben eine Biografie. Im wahrsten Sinne des Wortes – Biografie bedeutet ja etymologisch “Zeichnung des Lebens”. Wenn ich Vokabeln in der Film-Welt suchen müsste, würde ich sagen: Das hier ist kein Spielfilm, sondern eine Dokumentation. Wer eine packende Geschichte erwartet, kann BOWIE: STERNENSTAUB, STRAHLENKANONEN UND TAGTRÄUME meiner Meinung nach vergessen. Der Band ist eindeutig für hartgesottene Bowie-Fans. Denn obwohl der Band ziemlich geradlinig die wichtigsten Stationen von Bowies Werdegang abhandelt und oft eher oberflächlich daherkommt, merkt man dem Band einen ungeheuren Recherche-Aufwand an. Einige Referenzen und Bilder sind nur zu verstehen, wenn man bereits ein tiefes Wissen über das Leben und Werk von David Bowie hat. Gleichermaßen kann ich mir vorstellen, dass dieser Band etwas für angehende Fans ist, die sich eingehender mit dem Mythos Bowie und Ziggy Stardust befassen möchten.

Und das macht den Band zum typischen Comic: Was Comicleser gerade an Superhelden-Comics schätzen, ist die unfassbar große Mythologie. Mit unfassbar meine ich auch un-fass-bar, denn man kann niemals alles gelesen haben. Der Reiz am Comic-Sammeln ist meiner Meinung nach, dass man sich oft ganz zufällig ein Heft herauszieht und merkt, obwohl man das, was man liest gut versteht, kratzt man nur an der Oberfläche eines viel größeren Universums. Und das gilt es zu erforschen. Genau das gleiche Gefühl rief Allreds Bowie-Comic in mir hervor. Letztenendes ist es so ja auch mit Bowie. Selbst, wenn man denkt, man weiß bereits alles, kennt jeden noch so nischigen Fun Fact, jede Anekdote, jedes Foto, meinetwegen auch jeden Song, wird man immer wieder überrascht.

Das grafische Medium reiht den Band unter den angenehmsten biografischen Nacherzählungen dieser Bowie-Periode ein. Aber eben nicht, weil er etwa allumfassend ist, sondern weil er einen guten Überblick gewährt. Es ist wesentlich angenehmer und einfacher, durch illustrierte Seiten zu blättern, um herauszufinden wann und wo dieses und jenes Konzert stattfgefunden, Foto geschossen oder Album aufgenommen worden ist als durch einen Buchstaben-Salat von Seiten, die alle gleich aussehen. Die Ziggy Stardust-Ära ist einfach zu schade, um nicht gesehen zu werden. Die Glam-Ästhetik war immerhin ein wichtiger Faktor des Durchbruchs und anhaltenden Erfolgs der Rock-Ikone. Deswegen sollte auch die knallige Kolorierung von Laura Allred hier nicht unerwähnt bleiben.

Einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt des Autoren, Zeichners und langjährigen Bowie-Verehrers Mike Allred gewährt außerdem das Schlusswort, dass äußerst lesenswert. Es erzählt von einem früheren Versuch Allreds, Ziggy Stardust auf die Seiten eines Comics zu bannen…

Eine definitive Empfehlung für jeden Liebhaber von David Bowie (auch diejenigen, die schon mehrere Biografien zuhause stehen haben) und den, der es werden will. BOWIE: STERNENSTAUB, STRAHLENKANONEN UND TAGTRÄUME erscheint in Deutschland bei Cross Cult im großformatigen und edlen Hardcover. Aber bitte bei maximaler Lautstärke lesen.

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