Mittwoch, 18. März 2020

Ich sitze mit weniger Angst vor Corona, als ich als Asthmatiker haben sollte, halb gelangweilt zu Hause und überlege, wie ich den Abend totschlagen kann. Plötzlich meldet sich Redaktionskollege Jonas bei mir, um mir mitzuteilen, dass es nun eine Miles Davis-Dokumentation auf Netflix gibt. Er hat selber (noch) nicht so wirklich Ahnung von Jazz, aber hatte den Name scheinbar im Hinterkopf.

In dem Moment ist mir allerdings schmerzlich bewusst geworden, dass ich von Davis zwar diverse Alben gehört habe, aber über die Person so gut wie nichts weiß. Klar hab ich hier und da mal etwas gelesen, aber das vermischt sich nur zu Phrasen, die man auch über diverse andere Jazzmusiker der 50er sagen könnte. Oder gibt es irgendjemanden unter ihnen ohne Drogenprobleme – gekoppelt mit einem Desinteresse an Mitmenschen?

“Birth Of The Cool” bietet einen guten Einstieg in das Thema Miles Davis und vor allem in dessen umfassende Diskografie. Natürlich fehlen eingefleischten Fans Erwähnungen mancher Alben, aber das ist bei der schieren Menge an Tonträgern einfach nicht zu vermeiden. Ich hätte mich zum Beispiel über eine Erwähnung von In A Silent Way” und “Round About Midnightgefreut. Ersteres, weil es ein wichtiges Übergangswerk ist und so sein Schaffen weniger sprunghaft erscheinen lässt. Letzteres, besonders wegen des Titelsongs.

Dabei geht es nicht nur um seine eigene Musik, sondern auch sehr viel um Davis’ Umfeld, das mittels Anekdoten Einblick in seine Persönlichkeit und Entwicklung liefert. So finden einflussreiche Bebopmusiker wie Dizzy Gillespie und Charlie Parker inklusive der berühmten 52nd Street, die ihn nach New York trieben, ihre Erwähnung, ebenso wie einige noch lebende Bandkollegen wie Herbie Hancock. Das ist vor allem interessant, da seine Mitmusiker oftmals entweder etablierte Künstler oder spätere Stars der Szene waren. Dazu muss man wissen: Jazzalben werden zwar meist unter einem einzelnen Namen veröffentlicht, sind im Grunde aber Kollektivarbeiten. Beispielsweise legt das Miles Davis Quintett zwar mit “Cookin’/Relaxin’/Workin’/Steamin’” den Fokus auf den Bandleader, liefert aber auch frühe Arbeiten von John Coltrane. Man könnte sogar soweit gehen und behaupten, dass sich die Liner Notes von Jazzalben wie eine Schatzkarte auf der Reise durchs Genre lesen.

Ebenfalls zu Wort kommen frühere Partnerinnen von Davis und zeichnen so ein Bild abseits der Bühne. Wie ein roter Faden ziehen sich Zitate des Musikers als Bindedurchglieder durch die Dokumentation, die auch nicht davor zurückschreckt, kontroverse Themen anzusprechen. Dazu gehören neben seiner anti-sozialen und deshalb schwierigen Persönlichkeit und Drogeneskapaden auch dessen Chauvinismus. Unter dem hatte vor allem seine Frau Frances karrieretechnisch zu leiden. Außerdem werden die Probleme mit Rassismus behandelt, denen dunkelhäutige Musiker ausgesetzt waren. Beispielhaft für letzteres dient im Film die Konfrontation mit einem Polizisten vor einem Club.

Nichtsdestotrotz sind die stärksten Momente in “Birth Of The Cool” eben jene, in denen der Fokus klar auf der Musik liegt. Etwa, wenn von der besonderen Beziehung zu Gil Evans die Rede ist. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, die sich über viele Jahre und mehrere Alben erstreckte. Und weiterhin eine Kollaboration, die die Vereinigung der klassischer Musik und des Jazzs dokumentiert. Bemerkenswert deshalb, da Davis, der wie viele Kollegen, von der Improvisation getrieben war, sich einem vermeintlich starreren Gerüst unterwarf, dass er mit späteren Alben hingegen abwerfen wollte.

Nicht unerwähnt bleibt die Session zu Ascenseur pour l’échafaud in Frankreich. Berühmt aus dem Grund, dass die Musiker, während ihnen der gleichnamige Film vorgespielt wurde, den Soundtrack auf der Stelle einspielten. Das dabei entstandene Werk gibt somit unmittelbar die Sinneseindrücke der Band beim Schauen des Films wieder.

Schlussendlich sieht man, wie Miles Davis in über dreißig Jahren mit seinem Sound jedes Mal neue Wege beschritten hat. Dabei begleitet man ihn auf seinem Weg von den Swingbands über die Zeit des stürmischen Bebops in den Jazzclubs, durch die Phase, in der er seinen signifikanten “Kind of Blue”-Sound entwickelte bis hin zur Verschmelzung mit elektronischen Instrumenten und Klängen.

“Birth Of The Cool” ist ein Film, der Neulinge dazu einlädt, sich intensiver mit dem Thema Jazz auseinanderzusetzen, aber Fans gleichzeitig die Möglichkeit gibt, sich ein besseres Bild von Miles Davis als Mensch und der Entwicklung seiner Musik zu machen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein